
Tagesprogramm Sonntag, 4. Oktober 2026
TagesprogrammSonntag, 4. Oktober 2026
16.15 Uhr Konzerteinführung (Stiftskirche)17.00 Uhr Konzert (Stiftskirche)
mit dem «ensemble VOX WERDENSIS»

Programm
Antiphon «In domum Domini» + Psalm 121
im Wechsel mit dem Hymnus «Jesu dulcis memoria»
Prosula «Gregorius Praesul» mit Introitus «Ad te levavi»
(hypothetische Fassung nach Codex Bibl. mun. Laon 239)
Introitus «Omnia quae fecisti»
- hypothetische Fassung nach Codex Einsiedeln 121
- Fassung nach Codex Vat. lat. 5319 (Altrömisch)
- Fassung nach Codex Benevent 34
- Fassung nach Codex Kiedrich A (Ostfränkisch/Germanisch)
- hypothetische Fassung nach Codex Einsiedeln 121
Kyrie II «Fons bonitatis» mit Tropen
Gloria XI
Pfingstsequenz «Veni Sancte Spiritus»
(in metrischer Ausführung)
mit Versikel und Oration
Sequenz «Summi Regis archangele» zum Hochfest des Erzengels Michael (29. September)
Sanctus XI mit Tropen
Communio «Memento verbi tui» mit Versen aus Psalm 118
hypothetische Fassung nach Codex Laon Bibl. mun. 239
Antiphon «Da pacem Domine»
mit dem Gemeindelied «Verleih uns Frieden gnädiglich» (nach Martin Luther)
ensemble VOX WERDENSIS
Gabriel Craxton, Gregor Finke, Simon Geßwein, Stefan Klöckner (Leitung), Jan Liermann, Lukas Piel
Hervorgegangen aus der Schola der Folkwang Universität der Künste, Essen, besteht der Chor seit 2009 in seiner jetzigen Form. Seither hat sich die Gruppe unter ihrem Leiter Stefan Klöckner zu einem international profilierten Interpreten des Gregorianischen Chorals und mittelalterlicher Musik entwickelt. www.voxwerdensis.de
18.30 Uhr Festakt (Stiftstheater)
Begrüssung
Probst Harald Eichhorn, Beromünster

Grusswort
Regierungsrat Reto Wyss, Luzern

Judith Wimpfler
Vielklang im Einklang – Gregorianik als Kulturgut für alle
Die Eröffnung des GREGORIANIKUM findet am 4. Oktober statt, dem 800. Gedenktag des Franz von Assisi, dem – neben Nikolaus – populärsten christlichen Heiligen. Gregorianik ist weniger populär. Doch es gibt Gemeinschaften, die Gregorianik lebendig halten. Etwa Franz Karl Prassl und seine Grazer Choralschola: Für die franziskanischen Jubiläen spielten sie Gesänge wie das Reimoffizium von 1230 neu ein. Franziskanerbrüder sangen mit. Das zeige, Gregorianik braucht heute mehrere «Traditionsböden»: spirituelle Gemeinschaft, wissenschaftliche Forschung, pädagogischen Effort, öffentliche Klangräume. All dies bietet das Chorherrenstift St. Michael in Beromünster. Mit dem GREGORIANIKUM legt es einen neuen Traditionsboden für Gregorianik in der Schweiz.
Dr. h.c. theol. Judith Wipfler, SRF-Religionsexpertin, Basel, ist reformierte Theologin. Sie hat in Heidelberg, Basel, Haifa und Jerusalem studiert und arbeitet seit 2000 als Fachjournalistin bei Schweizer Radio und Fernsehen SRF. Sie ist aktives Vorstandsmitglied im Schweizerischen Verein für Täufergeschichte. 2021 wurde sie von der Universität Bern mit der theologischen Ehrendoktorwürde ausgezeichnet.
Tagesprogramm Montag, 5. Oktober 2026
Übersicht
9.45 Uhr Eintreffen bei Kaffee oder Tee (Stiftstheater)
10.30 Uhr–12.00 Uhr Thematische Einführung: Kulturgut Gregorianik
Irene Holzer: Die Emergenz des Präsentischen. Der einstimmige liturgische Gesang als Spiegel einer mittelalterlichen Erfahrungswelt
12.00 Uhr–13.30 Uhr Mittagspause
13.30 Uhr–17.00 Uhr
- Stefan Klöckner: Sapienter psallere – mit Verstand singen! Theologische Aspekte des Gregorianischen Chorals
- Alois Koch: Gregorianik in neuzeitlichen Musikstilen – eine Schatzsuche
- Stephan Klarer: Aktuelle Tendenzen der Gregorianikforschung
- Markus Zimmer: Kirchenmusik als «Erzählerin» einer europäischen Geschichte. Über Einheit, Einheitlichkeit und Eigentümlichkeit

Irene Holzer
Die Emergenz des Präsentischen. Der einstimmige liturgische Gesang als Spiegel einer mittelalterlichen Erfahrungswelt
Über Jahrhunderte prägte der einstimmige Choral das liturgische Gotteslob der römischen Kirchen, und bis heute gilt der «gregorianische Choral» in der römisch-katholischen Kirche als «der der Liturgie eigene Gesang» (Vatikanum II: Sacrosanctum Concilium, Art. 116). Theologisch begründet als der «mit einer Stimme» hervorgebrachte Gesang der Engel im Himmel, findet er auf Erden in immer wieder neuer historischer Ausprägung seinen Platz im Gottesdient und entfaltet seine besondere Qualität zwischen gelebter Immanenz und konzeptualisierter Transzendenz. Dabei erzeugt das Singen des choralen Gotteslobes eine spezifische Erfahrung von Gegenwart: Wird im liturgischen Vollzug das Heilsgeschehen nicht nur erinnert, sondern real präsent, wirkt dieses «Geheimnis des Glaubens» im Choralgesang sowohl in die individuelle Erfahrungswelt der Menschen wie auch in die gesamte Kultur hinein.
Der Vortrag wird zeigen, wie sich eine spezifische Form von Präsenzerfahrung in der mittelalterlichen Kultur im überlieferten Choral spiegelt und welches Potenzial diese vormoderne Erfahrungswelt auch für eine gelebte Liturgie in der heutigen Zeit offenhält.
Prof. Dr. Irene Holzer ist seit 2020 Professorin für Musikwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuvor war sie Lehrbeauftragte an den Universitäten in Basel und Bratislava sowie Juniorprofessorin für Historische Musikwissenschaft an der Universität Hamburg. Unter anderem ist sie Sprecherin der Fachgruppe Kirchenmusik der Gesellschaft für Musikforschung (gfm) und Mitglied im DFG-Netzwerk «Religion im Plural. Wahrnehmung religiöser Differenzierung im Spiegel der Künste, Theologien und Gesellschaft im langen 19. Jahrhundert». Forschungsschwerpunkte: Musik und Ritual, etwa in Offizium und Messe, sowie «liturgisches Drama» in Mittelalter und Früher Neuzeit, insbesondere Visualisierungsformen von Musik als Körper und Notation. Darüber hianus forscht sie zum Musikdruck um 1800 in Hinblick auf den Musikalienverleger Anton Diabelli.

Alois Koch
Gregorianik in neuzeitlichen Musikstilen – eine Schatzsuche
Auf den ersten Blick überraschend ist auch bei vielen Komponisten der Moderne die Gregorianik Nukleus ihrer Musik: Naheliegend beim radikal katholischen Olivier Messiaen, aber auch bei Igor Strawinsky, Arvo Pärt, Krzysztof Penderecki und Sofia Gubaidulina, sogar auch beim «Erfinder» der Zwölftonmusik Arnold Schönberg und bei seinem stilistischen Gegenüber, Paul Hindemith. Die «Schatzsuche» dieses Referates erläutert anhand konkreter Musikbeispiele diese Bezüge und geht der gregorianischen Entwicklungslinie seit dem ausgehenden Barock nach.
Prof. em. Dr. Alois Koch absolvierte parallel zur musikalischen Ausbildung ein Studium der Musikwissenschaft in Zürich. Promotion mit einer Dissertation über den Caecilianismus. Internationale Tätigkeit als Dirigent und Kirchenmusiker. Seit 1993 Titularprofessor der Universität Luzern. 2001–2008 Rektor der Hochschule Luzern-Musik. Gastvorlesungen an verschiedenen Universitäten und Hochschulen sowie zahlreiche Fachartikel und Referate zur Geistlichen Musik und zum Spannungsfeld Musik & Theologie. Buch- und CD-Produktionen. Nach seiner Emeritierung als verantwortlicher Kapellmeister der Luzerner Jesuitenkirche widmete sich Alois Koch vermehrt der reichen kirchenmusikalischen Tradition des Chorherrenstiftes Beromünster, die er in zahlreichen kommentierten Vespern und Konzerten einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte. Schon 1991 hatte er im dafür prädestinierten Raum der Stiftskirche die Originalfassung der dreichörigen Festmesse von Leonti Meyer von Schauensee zur Aufführung gebracht.

Stefan Klöckner
Sapienter psallere – mit Verstand singen! Theologische Aspekte des Gregorianischen Chorals
Die wohl wichtigste Herausforderung, die hinsichtlich des Gregorianischen Chorals in wissenschaftlicher Theorie und musikalischer Praxis heute im Raum steht, ist die seiner Interpretation mit Blick auf den erklingenden Text. Das geht weit über rein musikalische Fragen hinaus und zielt ins Zentrum der theologisch-liturgischen Relevanz dieses ältesten und zum Teil bis heute noch aktuellen Gesangsrepertoires der abendländischen Kirche. Wie wurden die heiligen Texte ausgewählt, kompiliert und ggf. neu beleuchtet? Wie hat man ihre Inhalte interpretiert? Wie schlägt sich das in der Vertonung der Gesänge nieder? – Annäherungen an ein komplexes und zugleich ungemein faszinierendes Thema.
Prof. em. Dr. Stefan Klöckner ist Theologe, Gesangslehrer und Musikwissenschafter. Er war Diözesanmusikdirektor des Bistums Rottenburg-Stuttgart, lehrte von 1999 bis 2025 an der Folkwang Universität der Künste Essen Gregorianik und Geschichte der Kirchenmusik und war von 2008 bis 2015 als Professeur invité an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Fribourg tätig. Er amtierte von 2001 bis 2005 als Vizepräsident des Allgemeinen Cäcilienverbands für Deutschland (ACV) und war von 2024 bis 2026 Mitglied im Bundesfachausschuss «Musik in Religionen und Kirchen» des Deutschen Musikrats.

Stephan Klarer
Aktuelle Tendenzen der Gregorianikforschung
Dass heute gregorianische Gesänge im Gottesdienst zu hören sind, von Profi- wie von Laienchoren gesungen werden können und sogar den Weg in die Charts gefunden haben, ist nicht nur die Folge der kirchlichen Förderung des Chorals seit Pius X. (1903–1914), sondern auch ein Ergebnis der Gregorianikforschung seit etwa 150 Jahren. Inzwischen lassen sich die mittelalterlichen Neumen dank der Semiologie zu grossen Teilen verstehen und interpretieren. Doch damit ist die Erforschung der gregorianischen Gesänge und ihrer Quellen noch nicht beendet. Womit beschäftigt sich die Wissenschaft heute, und worin unterscheiden sich die verschiedenen Forschungsrichtungen?
Dr. Stephan Klarer ist Musikwissenschaftler und Dirigent. Er unterrichtet seit 1999 an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) unter anderem Chorleitung, Gregorianik sowie Liturgik und Hymnologie. 2023 hat er auch die Fachleitung Holzblasinstrumente übernommen. Seit 2015 leitet er den Jungen Konzertchor Zürich (JKZ.ch) und die Choralschola der ZHdK. Für seine Dissertation über «Pater Roman Bannwart und die Einsiedler Choralpraxis» erhielt er den Marta-Walter-Preis der Schweizerischen Musikforschenden Gesellschaft. Forschungsschwerpunkte: Geschichte und Aufführungspraxis des Gregorianischen Chorals im Kloster Einsiedeln; aufführungspraktische Umsetzung des Gregorianischen Chorals heute.

Markus Zimmer
Kirchenmusik als «Erzählerin» einer europäischen Geschichte. Über Einheit, Einheitlichkeit und Eigentümlichkeit
Die Hauptaufgabe der Kirchenmusik ist das Gotteslob. Doch schon der gregorianische Choral unterliegt seit alters nicht nur kirchlichen Anforderungen, sondern auch kulturellen und bisweilen politischen Einflüssen. In seiner Entwicklung widerspiegeln sich Auseinandersetzungen um Glaubenstreue und Häresie ebenso wieder wie Diskurse über konfessionelle und kulturelle kollektive Identität. Das Credo aus dem 4. Jahrhundert, das ursprünglich gar nicht für die Liturgie gedacht war; die musikalische Notation im Hochmittelalter, dank der melodische und textliche Einheitlichkeit und Verlässlichkeit möglich, zugleich aber regionale Eigenheiten erkennbar wurden; oder die nationalistische Aufladung der Gregorianikforschung im 20. Jahrhundert mit dem Ziel, aus melodischen Eigentümlichkeiten einen deutschen Musikgeschmack zu extrapolieren – an diesen Beispielen soll gezeigt werden, warum die Geschichte der Kirchenmusik auch eine Kirchen- und Kulturgeschichte des «Westens» ist.
Dr. Markus Zimmer, Musikwissenschafter und Kirchenhistoriker, ist seit 1.8.2026 Leiter des GREGORIANIKUM. Er unterrichtet Kirchen- und Christentumsgeschichte und Kirchengeschichtsdidaktik an der Universität Vechta (D) und ist Verlagslektor für die Edition NZN beim Theologischen Verlag Zürich. Forschungsschwerpunkte: Germanischer Choraldialekt; katholisch-kirchliche Geschichtskulturen; Geschichte des Buches im mitteleuropäischen Christentum.

Moderation: Wolfgang W. Müller
Wolfgang W. Müller OP ist katholischer Theologe und war von 2001 bis 2021 Professor für Dogmatik und Leiter des Ökumenischen Instituts an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern. Forschungsschwerpunkte: Theologische Erkenntnislehre; Theologiegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts; Sakramententheologie; Ökumene und interreligiöser Dialog; Musik als Ort theologischer Erkenntnis.
